Gemeinde TV EAZ

Gemeinde TV Arlesheim - Sendung vom Februar 2015


Ab sofort ist das Baselbiet für jugendliche Flüchtlinge bereit!

Quelle: bz vom 08. Februar 2016

In der früheren Wielandschule leben minderjährige Asylsuchende ohne Eltern. Zahnbürste und Zahnpasta liegen auf dem Nachttisch bereit. Die bunte Bettdecke ist bezogen, in der Mitte einmal gefaltet. Drei Kajütenbetten, Schränke. Obwohl keine Dekoration das Zimmer ziert, wirkt es einladend. Das Tageslicht fällt durch die hohen Fenster, der alte Parkettboden knarrt unter den Schritten. Vor knapp einem Jahr schliffen in diesen Räumen noch Logopäden an der Aussprache ihrer Sprachschüler. Nun beleben bald andere junge Menschen die ehemalige Wielandschule in Arlesheim: Ab heute Montag ziehen hier Kinder und Jugendliche ein, die ohne ihre Eltern geflüchtet sind. Die Behörden nennen sie unbegleitete minderjährige Asylsuchende, kurz UMA. Ihre Zahl ist im letzten Jahr stark gestiegen. Mit 2736 solcher allein reisenden Flüchtlingskinder kamen in der Schweiz dreimal mehr als im Vorjahr an. Ihre Betreuung ist von Kanton zu Kanton verschieden. Im Baselbiet fehlte bislang eine altersgerechte Unterbringung. Die Mehrheit kam in reguläre Asylheime, die Fürsorge fehlte. Als die bz im vergangenen August über die Missstände berichtete, löste dies heftige Kritik aus. Die Regierung handelte.

Mehr Aufgaben für die Lehrlinge

Nun führt Pascal Brenner durch das neue Erstaufnahmezentrum (EAZ) für die minderjährigen Flüchtlinge. Er ist Geschäftsführer des Jugendheims Erlenhof und hat in dieser Funktion das neue Zentrum aufgebaut. Davon profitieren beide Seiten: Für die Lehrlinge des Erlenhofs gibt es mehr Aufgaben, für das EAZ günstigere Konditionen. Die Lehrbetriebe organisieren unter anderem den technischen Dienst, das Catering oder die Lingerie. Und auch die Kajütenbetten fertigten die angehenden Schreiner dort an. Zudem bildet der Erlenhof im Rahmen von IV-Umschulungen neu auch Migrationsfachleute aus. Der Baselbieter Asylkoordinator Rolf Rossi spricht von einer optimalen Lösung. Auch fallen für den Kanton keine zusätzlichen Kosten an: «Das Erstaufnahmezentrum ist so kalkuliert und geplant, dass es mit Bundesgeldern finanziert werden kann», sagt Rossi. Grundsätzlich würden ab Montag alle neuen Flüchtlingskinder ohne Eltern im EAZ untergebracht. Und was ist mit jenen, die früher ankamen? Die Jugendlichen, die in Heimen oder Pflegefamilien platziert sind, blieben dort, sagt der Asylkoordinator und verspricht: «Wir arbeiten daran, dass alle Jugendlichen, die in normalem Asylstrukturen untergebracht sind, einen Beistand erhalten – auch die über 16-Jährigen. So sollen Lösungen für sie gefunden werden können», sagt Rolf Rossi.

Sprach- und Kulturvermittlung

Wer ab heute dem Baselbiet zugewiesen wird, hat mehr Glück und vom ersten Tag an eine Ansprechperson. Ist das Heim komplett eingerichtet, bietet es Platz für 24 jugendliche Flüchtlinge. Heute stehen bereits zwölf Betten bereit. Ende der letzten Woche haben die sieben Mitarbeiter die letzten Vorbereitungen getroffen: Einige beugten sich über Einsatzpläne, ein anderer schob einen Staubsauger durch die Laube mit Blick auf den Garten. Das Haus wirkt zwar herrschaftlich, doch die Einrichtung ist spartanisch. Kein Computer, kein Fernseher: Sach- und Materialspenden sind deshalb gesucht. Auch die Mitarbeiter arbeiten unter den branchenüblichen Gehältern. Ihr Hintergrund ist unterschiedlich: Lehrer, Sozialarbeiter, aber auch ein Theaterpädagoge. «Sie sind hier, weil sie von der Wichtigkeit der Aufgabe überzeugt sind», sagt Pascal Brenner. Gemeinsam betreuen und unterrichten sie die Jugendlichen rund um die Uhr. Dafür gibt es im Erstaufnahmezentrum – gleich gegenüber dem Wohnhaus – eine integrierte Schule. Am Morgen rnen die Jugendlichen ihre ersten deutschen Wörter, nachmittags gibt es praktischen Unterricht im Schweizer Alltag vor Ort. Wie kann man mit kleinem Budget einkaufen? Wie liest man einen Fahrplan? «Wir bringen ihnen hier rudimentäre Sprach- und Kulturkenntnisse bei. Unser Ziel ist, sie fit für die Integration zu machen», sagt Pascal Brenner.

Umplatzierungen verhindern

Die jugendlichen Flüchtlinge bleiben maximal sechs Monate im Erstaufnahmezentrum. Danach muss eine Anschlusslösung vorliegen: Entweder bei einer Pflegefamilie oder in einem geeigneten Heim. Ein Platz bei einer Familie wäre zwar am günstigsten, sagt Pascal Brenner, doch je nach psychischer Verfassung des Flüchtlingskinds ist dies unrealistisch. «Es gilt zu verhindern, dass Familien frustriert sind und die Jugendlichen mit jeder Umplatzierung massiv an Vertrauen verlieren», sagt Brenner. Auch die weitere Schul- oder Ausbildungsmöglichkeiten klären die EAZ-Betreuer gemeinsam mit den Beiständen ab. Die Mehrheit der jugendlichen Flüchtlinge ist zwischen 16 und 18 Jahre alt. Damit sie sich in der Schweiz zurechtfinden und das Deutschniveau für eine Lehre reicht, benötigen sie Zeit. Häufig sind sie dann aber volljährig und somit auf sich gestellt. «Das ist problematisch. Sie wollen ja eine langfristige Perspektive und brauchen Unterstützung bis zum Abschluss ihrer gesellschaftlichen und beruflichen Integration. Diese ist mit 18 Jahren oft nicht beendet», sagt Brenner. Eine Lösung sieht er beispielsweise in einer vier- statt zweijährigen Anlehre oder einem mehrjährigen Praktikum, das in einer Lehre mündet. Dafür brauche es Bereitschaft aus der Wirtschaft. «Ein Grossteil dieser Jugendlichen wird in der Schweiz bleiben. Es ist wichtig, sie als Teil unserer Gesellschaft zu verstehen», sagt Pascal Brenner. Arlesheim erweise sich hierfür als Glücksfall: Schulklassen, rund 40 Freiwillige und die Firma Weleda meldeten sich bereits bei Brenner, um den minderjährigen Flüchtlingen ohne Eltern den Start in der Schweiz zu erleichtern.